Die Lokal-Bahn Ungerhausen - Ottobeuren (Günztalbahn)

Am 20. Oktober 1900 wurde die Lokal-Bahn Ungerhausen - Ottobeuren festlich eingeweiht. Ungerhausen liegt an der im Mai 1874 eröffneten "Mittelschwaben-Achse" (München) - Kaufering - Buchloe - Memmingen. Grund genug, sich zunächst einmal mit dieser Fernbahn zu beschäftigen.

Die Ungerhausener Mannschaft hat sich 1902 mit einer bayerischen D VI zum Bahnhofsfoto aufgestellt.

 

DIE "MITTELSCHWABEN-ACHSE" BUCHLOE - MEMMINGEN

Am 1. Mai 1874 war es soweit: der erste Zug traf von München kommend über Kaufering und Buchloe in Memmingen ein. Die sog. "Mittelschwaben-Achse" war fertiggestellt.

Über München-Pasing und Geltendorf kommend treffen die Züge auf der "Mittelschwaben-Achse" in Kaufering ein. Kurz vor dem Kauferinger Bahnhof überquert die Strecke auf einer 114m langen und 21m hohen Stahlbrücke den als bayerisch-schwäbischen "Grenzfluss" geltenden Lech. In Kaufering zweigen die beiden Nebenbahnen über Landsberg nach Schongau ("Fuchstal-Bahn") und über das Lechfeld nach Augsburg ab. Wie bisher geht es weiter Richtung Westen, bis der Bahnhof Buchloe erreicht ist.

Mit der Fertigstellung der gesamten Strecke München - Memmingen 1874 wurde der damals 850 Einwohner zählenden Ort Buchloe ein richtiger Eisenbahn-Knotenpunkt, kreuzt doch dort die "Mittelschwaben-Achse" die "König Ludwig Süd-Nord-Bahn".

Weiter führt die "Mittelschwaben-Achse" westwärts über den kleinen Ort Wiedergeltingen mit seinem aufgelassenem Bahnhof, durchzieht einen Einschnitt, überquert das Tal der Wertach auf einer stählernen Brücke, bis die Strecke schliesslich Türkheim (Bayern) erreicht. Hier zweigen gleich zwei Nebenbahnen ab: in Richtung Süden die sog. "Bäderbahn" nach Bad Wörishofen, in Richtung Norden die "Staudenbahn", die durch das Erholungsgebiet Augsburg "Westliche Wälder" nach Gessertshausen verläuft, wo sie in die Hauptstrecke Augsburg - Ulm mündet. Diese Bahn war seit dem 11. Dezember 1912 durchgehend befahrbar, ehe am 24. September der Abschnitt Ettringen - Markt Wald für den Gesamtverkehr stillgelegt wurde. Der letzte Personenzug zwischen Türkheim und Ettringen fuhr am 9. Januar 1987. Heute findet auf diesem Streckenabschnitt nur noch Güterverkehr statt. Das Aktionsbündnis "Staudenbahn hat Zukunft" versucht, diese Strecke wieder durchgehend befahrbar zu machen.

Nach dem Bahnhof Türkheim verläuft die "Mittelschwaben-Achse" schnurgerade über einen hohen Damm zum ehemaligen Bahnhof Unterrammingen, um dann nach einer kurzen Steigung in das Tal der Mindel einzutreten. Im folgenden Bahnhof Mindelheim zweigt die "Kammeltalbahn" über Krumbach nach Günzburg ab. Diese Verbindung wurde in mehreren Etappen zwischen 1892 und 1910 eröffnet. Trotz vieler Stilllegungsgerüchten kann sich der Personen- und Güterverkehr auf dieser Strecke behaupten.

Nächster Halt auf der "Mittelschwaben-Achse" ist Stetten. Zuvor überquert die Strecke die neue Bundesautobahn A 96 München - Lindau auf einer Galerie. Weiter geht es durch Wiesen und Wälder über den Bahnhof Sontheim nach Ungerhausen. Aus Richtung Süden kommend fädelt dort das Gleis der Nebenbahn aus Ottobeuren in die Hauptstrecke ein, die am 22. Oktober 1900 eröffnet und für den Personenverkehr am 1. Oktober 1972 und schliesslich für den Gesamtverkehr am 1. Oktober 1996 stillgelegt wurde. Von Ungerhausen sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Endpunkt der "Mittelschwaben-Achse" Memmingen, wo sie auf die "Illertal-Bahn" Ulm - Kempten trifft. Dort hatte auch die Nebenbahn nach Legau ihren Ausgangspunkt, die 1904 eröffnet und 1972 stillgelegt wurde.

DIE NEBENBAHN UNGERHAUSEN - OTTOBEUREN

Streckengeschichte

Eröffnungszug der Strecke Ungerhausen - Ottobeuren mit der Lokomotive "Grünten" der Gattung D VI am 20. Oktober 1900: Einfahrt in den Bahnhof Ottobeuren.

 

Als die Allgäubahn von Kaufbeuren nach Kempten im April 1852 ihrer Bestimmung übergeben wurde, bestanden in Ottobeuren ernsthafte Bestrebungen, eine Anschlussbahn vom Bahnhof Günzach (Allgäubahn) über Obergünzburg und Ottobeuren nach Memmingen zu bauen. Als etwa zehn Jahre später eine Realisierung der Illerbahn von Memmingen nach Kempten in greifbare Nähe rückte, wurde sogar versucht, diese Strecke über Ottobeuren zu führen. Wegen ungünstiger Geländeverhältnisse konnte diese Idee jedoch nicht verwirklicht werden.

Am 1. Mai 1874 wurde der Betrieb auf der Mittelschwaben-Achse Buchloe - Memmingen aufgenommen, ohne dass diese Strecke Ottobeuren berührte. Nach dem alle Bemühungen Ottobeurens, an eine Hauptbahn angeschlossen zu werden, scheiterten, stelle die Gemeinde bei der Generaldirektion der Königlich Bayerischen Staatsbahn am 2. Juni 1891 den Antrag auf Bau einer Anschlussbahn von Ungerhausen (Mittelschwaben-Achse) nach Ottobeuren. Überraschend traf schon zwei Wochen später eine positive Antwort ein - doch die Freude darüber wurde bald getrübt: in einer Stellungnahme des Staatsministeriums wurde bezweifelt, dass die Bahn jemals ihre Betriebskosten erwirtschaften könnte.

Doch die Ottobeurer erwiesen sich als hartnäckige Vertreter ihrer Interessen. Nach langen Diskussionen über Wirtschaftlichkeit und Trassenführung begannen am 15. Mai 1899 die Bauarbeiten. Obwohl im Winter 1899/1900 ein gewaltiges Hochwasser der Günz einen Teil des fertigen Bahndamms wegspülte, konnte die Strecke am 22. Oktober 1900 feierlich eröffnet werden.

Am 1. Oktober 1972 wurde der Personenverkehr eingestellt. Danach wurde nur noch Güterverkehr zum einzigen Tarifpunkt Ottobeuren abgewickelt. Doch nach dem stetigen Rückgang des ohnehin spärlichen Frachtaufkommens, dem Wegfall der über viele Jahre hinweg verkehrenden Pilgersonderzüge (mit je einer BR 218 an den Zugenden) sowie der Streichung der Inter-City-Sonderzüge von München zu den Ottobeurer Konzerten wurde schliesslich der Gesamtverkehr am 1. Oktober 1996 stillgelegt.

Die Initiative des Günztal-Museumsbahnvereins e.V. Ottobeuren und von PRO BAHN, im Rahmen der immer wieder ins Gespräch gebrachten Regionalisierung der Strecke Günzburg - Mindelheim die Nebenbahn Ungerhausen - Ottobeuren vor dem Abbruch zu bewahren, scheiterten ebenso wie die Initiative eines Museumsbahnbetriebes.

Streckenbeschreibung

(Auszüge aus dem Buch "Schwäbische Eisenbahn" von Siegfried Baum, aktualisiert 1995 vom Günztal-Museumsbahnverein e.V. Ottobeuren)

Zuletzt fuhren nur noch unregelmäßig Übergabegüterzüge nach Ottobeuren: 365 706 am 7. Mai 1996 in Ottobeuren.

 

Von Mindelheim bis Ungerhausen folgen wir der eingleisigen Hauptstrecke. Die höheren, waldreichen Erhebungen und die verstreut liegenden Einödhöfe chrakterisieren den Beginn der Allgäuer Landschaft. Nicht viel hat sich an den Gleisanlagen wie am Aussehen des Empfangsgebäudes in Ungerhausen geändert, ziehen wir einen Vergleich mit den Aufnahmen von 1902. Lediglich die Fassade wurde umgestaltet und die schönen Ziegelsteine wurden mit einer wetterfesten Putzschicht überzogen. Lange standen auch noch vor der Einfahrt von Sonthofen und Westerheim alte bayerische Signale.

Heute steht der Bahnhof Ungerhausen leer, im Erdgeschoss sind die Räumlichkeiten mittlerweile sehr verrottet, der erste Stock dagegen, der längere Zeit auch bewohnt war sowie das Dachgeschoss sind in einem normalen Zustand. Von den alten Weichenstellhebeln und Zugmeldeeinrichtungen von früher findet man im alten Bahnhofsgebäude nichts mehr. Heute sind die technischen Einrichtungen für die Zugüberwachung in einem kleinen, flachen Zweckbau neben dem alten Bahnhofsgebäude untergebracht.

Früher stand sogar auf der Ostseite des Bahnhofes am Waldrand ein unvollendeter Stellwerksbau. Dieses Stellwerk - so wurde vermutet - hätte später einmal seine Aufgabe im Zusammenhang mit einer direkten Streckenverbindung in Richtung Heimertingen seinen Zweck erfüllen sollen. Man hätte sich dann aus "Kopf-Machen" der Züge in Richtung Ulm im Bahnhof Memmingen erspart. Dort, wo bis etwa 1960 ein Gleis zum Fliegerhorst Memmingerberg ging, dort stand das unvollendete Stellwerk.

Das Gleis zum Fliegerhorst führte in einem weiten Rechtsbogen durch den Wald. Noch heute befindet sich im Ungerhauser Wald ein tiefen Graben, dort wo das Bahngleis verlief.

Die Bahntrasse führte einige hundert Meter am Waldrand entlang und überquerte dann auf einem langen Bahndamm den Krebsbach. Wie die Streckenführung weiterging, kann auch heute noch erahnt werden, denn die Bahntrasse führte gerade in Richtung Flugplatz. Heute ist der Bahndamm eine geteerte landwirtschaftliche Zubringerstraße.

Wir verlassen nun den Bahnhofsbereich von Ungerhausen in etwa östlicher Richtung. Die Ottobeurer Strecke verläuft bis zu den Einfahrsignalen parallel zum Hauptgleis und fällt dann in einem weiten Rechtsbogen zur ersten Haltestelle Westerheim hinab.

Das ursprüngliche Dienstgebäude wurde 1964/1965 abgerissen und zunächst durch einen kleinen Unterstand ersetzt. Heute gibt es diesen Unterstand nicht mehr. Mit der Einstellung des Personenverkehrs im Jahre 1972 wurde auch die Haltestelle Westerheim nicht mehr gebraucht.

Zur 1200-Jahrfeier des Benediktinerklosters und der Kirche Ottobeuren wurde die Strecke im Jahre 1964 nochmals großzügig renoviert und ausgebaut, wodurch eine Heraufsetzung der Höchstgeschwindigkeit möglich war.

Am linken Talrand der westlichen Günz, entlang des Ungerhauser Waldes, windet sich die Trasse in mäßigen Krümmungen nach Süden und erreicht die Station Hawangen.

Auch hier gab es bis Mitte der 70er Jahre noch das alte Dienstgebäude. Verblieben ist lediglich noch eine etwas neuere Lagerhalle mit einem Anschlussgleis, das jedoch so gut wie nie benützt wird. Auf der gegenüberliegenden Höhe erkennt man - weithin sichtbar - Klosterwald, dessen Name sogar in den Kursbüchern hätte erscheinen sollen, wäre ein Gesuch jenes Rechtsanwaltes Kranzfelder damals genehmigt worden. Hinter Hawangen führt die Strecke nochmals ein kurzes Stück in zwei langen S-Kurven durch hohen Fichtenwald. Vor Ottobeuren biegt die Strecke nach Südosten und kreuzt die neue Umgehungsstraße, überquert auf einer Blechträgerbrücke die Günz, strebt in gerader, südlicher Richtung der Endstation Ottobeuren zu.

Wenn die Strecke kurz vor der Günzbrücke die Wälder hinter sich lässt, erblicken wir zum ersten Mal die Perle schwäbischen Barocks, die zweitürmige Basilika von Ottobeuren mit dem gewaltigen Gebäudekomplex des Benediktiner Klosters. Die alljährlichen Musik- und Konzerttage mit den bekanntesten Solisten, Orchestern und Chören in Kirche und Kloster sind zu einem festen Begriff geworden. Bis in die 70er Jahre fuhren zu den großen Konzerten auch noch regelmäßig von München her Konzertzüge, die jeweils vorne und hinten mit Lokbespannung und bis zu 10 D-Zug-Wagen gerade noch in den Bahnhof Ottobeuren hineinpassten.

 

Die letzte Fahrt auf der Günztal-Bahn:
1. Juni 1996


Zusammenfassung Lokalbahn-Strecke Ungerhausen-Ottobeuren

Eröffnung: 22. Oktober 1900

Länge: 10,7 km

Betriebsstellen: Ungerhausen (km 0,0), Westerheim (km 2,1), Hawangen (km 6,8), Ottobeuren (km 10,7)

Stillegungen: Personenverkehr: 1. Oktober 1972; Gesamtverkehr: 1. Oktober 1996

 

BROSCHÜRE
1. Auflage
zwischenzeitlich vergriffen

Kurzinhalt:

Am 17. Juni 1896 wurde für die Lokalbahn Ungerhausen-Ottobeuren durch die Direktion der königl.-bayerischen Staatseisenbahn die ersehnte Konzession erteilt. Es dauerte nochmals weitere vier Jahre bis zur festlichen Eröffnung am 20.10.1900.

Mit der Broschüre erinnert der Günztal-Museumsbahn-Verein an die Geschichte dieser mittlerweile eingestellten Allgäuer Nebenbahn.

"Die Lokalbahn Ungerhausen-Ottobeuren" - Eine kleine Chronik von gestern und heute" - eine Publikation des Günztalbahn-Museumsbahn-Verein e.V. Ottobeuren - Ottobeuren 1995, 40 Seiten - Größe DIN A 4 Bezugsquelle: Günztalbahn-Museumsbahn-Verein e.V. Ottobeuren, Gerhard Bäuml, Schillerstraße 40, 87724 Ottobeuren, Tel.: 08332/8661, eMail: GMBV-Ottobeuren@gmx.de, Internet: http://www.guenztalbahn.de.

 

BROSCHÜRE
mit weiteren historischen Fotos
2. Auflage (500 Stck.)

NEU

Kurzinhalt:

Der Inhalt ist identisch mit der 1. Auflage, allerdings in erweiterter Form mit zusätzlichen historischen Fotos und Skizzen sowie Erzählungen von Chronisten.

Mit der 2. Auflage kommt der Günztal-Museumsbahn-Verein der großen Nachfrage zur Geschichte dieser mittlerweile eingestellten Allgäuer Nebenbahn nach.
Preis 8,00 EUR + Vers.geb. 1,44 EUR

"Die Lokalbahn Ungerhausen-Ottobeuren" - Eine kleine Chronik von gestern und heute" - eine Publikation des Günztalbahn-Museumsbahn-Verein e.V. Ottobeuren - Ottobeuren 2005, 48 Seiten - Größe DIN A 4 Bezugsquelle: Günztalbahn-Museumsbahn-Verein e.V. Ottobeuren, Gerhard Bäuml, Schillerstraße 40, 87724 Ottobeuren, Tel.: 08332/8661, eMail: GMBV-Ottobeuren@gmx.de, Internet: http://www.guenztalbahn.de.